Situativer Urbanismus
21.05.2007 by Urban Interface Berlin

Eine archplus Ausgabe, die die Situationistische Internationale als Herkunftsort vieler heutiger Planungsstrategien interpretiert? Eigentlich gar nicht so überraschend wie man denken könnte. War doch die Stadt Paris nicht nur der Bezugsraum der Situationistischen Internationale (SI), sondern auch der Fluchtpunkt ihrer Bemühungen um die Aufhebung der Kunst und der Überführung der Kunst in ein freies Leben. Dieses freie Leben suchte man umherschweifend zu erleben (Dérive), psychogeographisch zu kartieren (Psychogeographie), durch Zweckentfremdung überkommener Strukturen zu ergreifen (Détournement) und schließlich durch die permanente Revolution des Alltagslebens zu erreichen (Revolution des Alltagslebens). Nach diesem Programm haben wir die retrospektive Seite dieses Heftes gegliedert.

Der Raum der Räume Gewollt ist 1960: Die Neuausrichtung von Architektur und Städtebau, um die Wende der Disziplinargesellschaft ins Utopische durch die heroische Moderne zu korrigieren. Dieses Bedürfnis verschärft sich noch angesichts der aufkommenden neuen Gesellschaftsformation der Kontrollgesellschaft. Sie erzwingt fast, was gewollt ist: Neue Freiheitsspielräume durch Architektur und Städtebau zu eröffnen, einem anderen Subjektbegriff Raum zu geben, einen neuen Grad an Individualisierung zu respektieren, anders formuliert: das Dreigestirn von sozialer Revolution, Avantgardeanspruch und Planungsdiktatur der heroischen Moderne durch ein geläutertes Verständnis von Modernität einer der Gegenwart gerecht werdenden Moderne zu ersetzen. Dieses Verständnis von Modernität leitet die Überlegungen von Cedric Price oder Alison und Peter Smithson, deren Bemühungen um Begriffe wie as found, non-plan kreisen und im Konzept einer Ermöglichungsarchitektur gipfeln.

Und gewollt ist heute: Ebenfalls eine Neujustierung von Architektur und Städtebau, aber mit anderen Akzenten. Der Versuch nämlich, durch Mitbeteiligung der Bewohner einen räumlichen Mehrwert zu erreichen und bisher unterdrückte Bedürfnisse zu mobilisieren statt sich in Technikutopien zu verlieren. Dieses Konzept einer Ermöglichungsarchitektur wollen wir aufgreifen und weiter denken. Ziel ist ein Entwurf von Raum, der wiederum zur Produktion von Räumen anregt: eine Raumproduktion zweiter Ordnung. Raum bezeichnet dabei den Planungsraum des Architekten und Räume bezeichnen die Lebensräume der Bewohner, ein Abstraktum also und etwas Konkretes. Und die Frage lautet: Wie lassen sich Konkretionen planen, oder anders ausgedrückt, die Lebensräume der Bewohner, wenn sie sich jenseits des Planungsraums etablieren sollen. Damit verschiebt sich grundsätzlich der Akzent: einerseits von der Struktur zu Räumen, andererseits von der Dominanz des Planungsraums des Architekten zum Lebensraum der Bewohner.

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